Albanien mit dem Mini-Camper: Roadtrip voller Gegensätze
„Warum wollt ihr das denn machen? Habt ihr keine Angst?“ – So klangen die besorgten Kommentare aus unserem Umfeld, als wir unseren Plan verkündeten, mit dem Mini-Camper nach Albanien zu fahren. Hatten unsere Freunde etwa recht? Würden wir leichtsinnig in die Fänge finsterer Krimineller geraten, die uns aus dem Hinterhalt überfallen? Drama beiseite!!! Natürlich ist nichts dergleichen passiert. Die düsteren Klischees haben sich in keinster Weise bewahrheitet. Und es war absolut richtig, den Vorurteilen keine Beachtung zu schenken.
Sicherlich: Auch in Albanien sind nicht alle Menschen „voll nett“ – aber wo sind sie das schon? Wir haben ausschließlich positive bis neutrale Erfahrungen gemacht und sind in keiner einzigen Situation gelandet, die sich bedrohlich angefühlt hätte. Im Gegenteil: Die meisten Menschen, die wir getroffen haben, waren freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit.
Unsere Route durch Albanien – ein kurzer Überblick
Wir reisen von Montenegro aus in den Norden Albaniens ein, vorbei am Skutari-See, über den Grenzübergang Han i Hotit. Nach einem Abstecher im Städtchen Koplik geht’s Richtung Theth-Nationalpark. Danach machen wir uns auf in südliche Richtung, zum Koman-Stausee. Ein Tagesausflug führt uns nach Shkodra – eine der größeren Städte des Landes. Es folgt die geschichtsträchtige Stadt Kruja, bevor wir zum Finale unseres Albanien-Roadtrips in Richtung Hauptstadt Tirana aufbrechen. Insgesamt sind wir 13 Tage mit unserem „Dicken“ – einem Peugeot Rifter L2, zum Mini-Camper umgebaut – in der nördlichen Hälfte Albaniens unterwegs.
Der Haken: Wir reisen im Hochsommer 2024. Die Temperaturen? Jenseits von Gut und Böse – fast dauerhaft knapp unter der 40-Grad-Marke (im Schatten). Selbst für Südeuropa ist das im Schnitt acht bis zehn Grad mehr als der Durchschnitt. Unsere Route orientiert sich daher nicht nur an Sehenswürdigkeiten, sondern auch an Höhenmetern und Gewässern. Denn: Wer oben ist oder am Wasser, schwitzt weniger. Unser ursprüngliches Ziel – Nordgriechenland – verwerfen wir unterwegs wegen der Hitze und der Waldbrände, die auf dem Weg dorthin wüten.
Unser Albanien-Roadtrip ist Teil einer achtwöchigen Reise durch acht europäische Länder: Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien, Albanien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Italien.
Alpine Fahrt in den Theth-Nationalpark
Entlang der Ausläufer des Skutari-Sees reisen wir von Montenegro aus nach Albanien ein. Ein kurzer Stopp in Koplik, bevor wir nach Theth, einem der Nationalparks, die in den albanischen Alpen liegen, aufbrechen: Wir decken uns dort mit SIM-Karten und der albanischen Währung LEK ein. Mit deutscher bzw. EU-SIM-Karte ins Internet zu gehen kostet individuelle Gebühren. Am Grenzübergang kann man zwar auch Karten kaufen, aber wir haben es vorgezogen, dies im Laden zu tun (Näheres s. unten unter Daten/Fakten/Überraschendes).
Seit 2022 ist die Zufahrt nach Theth mit einem regulären PKW (ohne Allrad) möglich – zumindest vom späten Frühjahr bis in den Herbst hinein. Vorher galt: Nur geländegängige Fahrzeuge kamen durch, da die Straße nicht oder nur zum Teil asphaltiert war.

Theth – von der Einsamkeit in den Touristenstrom
In unserer Vorstellung ist Theth ein abgeschiedenes Alpendorf, in dem sich Fuchs und Adler gute Nacht sagen. Realität: eher “Lodge-Resort trifft Balkan-Backpacker-Basecamp”.
Schon die gut zweistündige Anfahrt zeigt: Wir sind hier nicht allein unterwegs. Es ist nicht überfüllt, aber deutlich belebter als erwartet. Hotels (hier: Lodges) sind bereits auf dem Weg zu entdecken, und als wir nach unzähligen Serpentinen in der ersten Siedlung von Theth ankommen, habe ich eher Assoziationen mit den kanadischen Rockies oder einem alpinen Wanderresort. Musik schallt von einer der Bar-Terrassen, eine ZIP-Line quert das Panorama.

Erstmal durchatmen – und dann den Blick heben: Die Berge ringsum sind majestätisch, das Grün üppig, und die traditionellen Steinhäuser zeigen, dass hier zumindest Wert auf die Erhaltung des Ursprünglichen gelegt wird. Viele Bewohner bieten Übernachtungen in den meist nett hergerichteten Gebäuden an (der Ort war vor der Erschließung durch die Straße mittlerweile nahezu unbewohnt), doch wir suchen eine Parkmöglichkeit, damit wir in unserem „Dicken“ schlafen können.



Bitte kein Platz an der Sonne!
Wir wollen Schatten! Da bleibt nur der Campingplatz, der zum Zorgji-Restaurant gehört – nicht der hübscheste Ort, aber mit Bäumen – die sind bei 38 °C Gold wert.
Wir wollen wandern – die Temperatur bestimmt den Ablauf. Morgens um sechs raus (gar nicht unsere Zeit!), Kaffee inhalieren und los. So ist man zur größten Hitze wieder zurück, frühstückt das, was nicht bei der Hitze weggelaufen ist (wir sind ja die ohne Kühlbox), schleppt sich in die Hängematte und wartet bewegungslos darauf, dass die Sonne Gnade walten lässt.
In dieser Phase der Lässigkeit (eigentlich fühlen wir uns eher zur Untätigkeit verdammt) machen wir Bekanntschaft mit Tieren und Menschen: Der beeindruckend große Hund, der es sich im Schatten vom „Dicken“ gemütlich gemacht hat und nicht mehr weggehen möchte, Pferde und Kühe, die hier überall herumlaufen und gerne den Inhalt der Mülltonnen auseinanderpflücken – hier und da zupfen sie auch mal frech an den Vorzelten der Camper oder lecken herumstehendes Geschirr ab –, eine Großfamilie aus dem Kosovo, die uns bei ihrer Ankunft superfreundlich in bestem Englisch um Verständnis bittet, falls es etwas lauter wird. Der Onkel fragt uns dann auf Deutsch, ob wir einen Gartenbauer aus Düsseldorf bräuchten … ähm, nein, wir haben nur einen Balkon … die Welt ist ein Dorf.
(Leider?) Instagram-Hotspot: die Kirche von Thethi
Hier sitzen junge Frauen in Blümchenkleidern und Strohhüten in der Wiese, als sei ein Lifestyle-Magazin des letzten Jahrhunderts aus Versehen im Gebirge gelandet. Ich bitte Oli – sehr sarkastisch natürlich –, mir im nächsten Ort bitte dringend genau so ein Outfit zu besorgen. Schließlich will ich auch mal in einer Postkarten-Idylle posieren, am besten mit Filter und verträumtem Blick in die Ferne. Ganz authentisch!
Die Kirche hat was. Mit der großen Wiese drumherum, einer riesigen Linde wie aus einem Bilderbuch und dem verwunschenen Friedhof daneben wirkt das Ganze tatsächlich ziemlich friedlich. Instagram-Hype hin oder her – die Atmosphäre ist besonders.


Schönes Highlight: Unsere frühmorgendliche Wanderung zum Grunas-Wasserfall
Weil wir wegen der Hitze ohnehin früh auf den Beinen sind (wir sind ja jetzt die mit dem Kaffee um sechs), stehen wir ganz allein vor diesem kleinen Naturwunder. Kein Mensch weit und breit, nur das Rauschen, ein paar Vögel, ein Schimmel – und wir. Fast zu schön, um wahr zu sein. Oder um es auf Instagram hochzuladen (Mist, ich habe immer noch kein Blümchenkleid!!!). Der Grunas-Wasserfall ist vom Dorfkern nur ungefähr 45 Minuten Fußweg entfernt. Das Wasser ist glasklar und wirkt sehr einladend. Aber es ist eiskalt! Wer mutig ist, geht trotzdem rein. Wir nicht.





Genuss mit Aussicht
Unser kulinarisches bzw. atmosphärisches Highlight? Die Villa Gjeçaj, Restaurant und Gästehaus, oberhalb des Ortskerns. Ein üppig grüner Gartenbereich, eine Speisekarte mit Optionen zur Schlachtplatte (auf dem Balkan nicht immer selbstverständlich) und ein großartiges Panorama mit Sonnenuntergang …





An einem Abend laufen plötzlich zwei Hausschweine zwischen den Tischen auf der Wiese herum und lassen sich sogar von den Gästen tätscheln. Bis Vater und Tochter mit dem Stock kommen (keine Angst, den Tieren ist nichts passiert): die beiden Ausbrecher versuchen, im Schweinsgalopp zu flüchten. Wer gewinnt? Wie meistens: der Mensch! Die Schweine sind folgsam und kehren wieder „nach Hause“ zurück. Vielleicht ist es auch nur gut gemachtes Marketing: Seht her, wir halten echte Schweine! Wer weiß. Albaner sind erfinderisch.
Schlagloch-Strecke zum Koman-Stausee
Unser nächstes Ziel liegt etwa drei Autostunden entfernt ganz in der Nähe vom Koman-Stausee – nach den Bergen nun wieder Wasser! Die Hitze, die Hitze … sie bleibt. Ganz Süd-Europa glüht! Wir denken zwischendurch mehrfach über den Abbruch unseres Trips nach, halten aber dann doch irgendwie durch.
Zwei Tipps am Rande: Euer Navi wird euch in Albanien ständig mit der Warnung „kann unbefestigte Straßen enthalten!“ konfrontieren. Und ja – diese Warnung ist wie ein Überraschungsei: Mal bedeutet sie holprige Horrorstrecken, mal recht passablen Asphalt mit gelegentlichen Löchern. Aber man gewöhnt sich daran – irgendwann fährt man einfach jede Piste lang. Also: Besser keine Alternativroute suchen! Die ist im Normalfall auch nicht besser. Außerdem haben wir von Autovermietungen gehört, die in ihren Verträgen die Nutzung von Offroad-Strecken explizit ausschließen – also: kein voller Versicherungsschutz, im schlimmsten Fall sogar eine Vertragsstrafe. Für Albanien? Schwer vorstellbar. Das Land ist quasi offroad (na gut, wir übertreiben, es gibt auch tipptopp Asphalt, den man problemlos befahren kann). Selbst reguläre Straßen können aber zum Schotter-Abenteuer mutieren. Also besser vorher genau hinschauen, wenn man mit dem Mietwagen unterwegs ist.




Das Agora Farmhouse liegt direkt am Fluss Drin, in der Nähe des Koman-Stausees, und bietet Stellplätze für Camper (sowie Bungalows und Zimmer). Klingt erstmal idyllisch – sieht auch so aus. Wären da nicht Wetter und Körpergefühl: Als wir aus dem klimatisierten Auto steigen, fühlt es sich an, als würde uns jemand mit einem feuchtwarmen Waschlappen „abschrubbeln”. Die Mischung aus Hitze und Luftfeuchtigkeit macht uns mürbe. Großartige Aktivitätspläne? Fehlanzeige. Wir hängen einfach nur rum.
Übernachtungs-Tipp
Agora Farmhouse:
https://www.agorafarmhouse.com
Der Platz für Camper liegt direkt am Wasser.
Lokal mit schönem Außenbereich. Sehr freundlich!
Ideale Ausgangslage für die Bootsfahrt über den Koman-See.
Abends sitzen wir mit Martina, einer alleinreisenden Frau mit Mini-Camper, Kanu, Fahrrad und einer ordentlichen Portion Gelassenheit, auf der Terrasse . Es gibt kühlen Rosé, Geschichten und entspannte Stimmung. Das Essen im Agora-Restaurant? Naja … okay. Nicht herausragend, aber Service und Atmosphäre stimmen. Das reicht.
Martina kommt aus Deutschland, ist schon eine ganze Weile unterwegs und gerade auf dem Rückweg aus Griechenland. Sie ist Lehrerin im Ruhestand – ihr Mann hat auf diesen Roadtrip-Lifestyle keine Lust. Also fährt sie einfach allein. Finden wir großartig.
Wir treffen Martina ungefähr zehn Tage später in Montenegro wieder. Abends in einem Nationalpark drehen Oli und ich noch eine Runde und dann parkt sie da – irgendwo im Nirgendwo. So klein ist der Balkan … oder auch die Welt.

„Fjorde des Balkans“: Mit der Fähre über den Koman-Stausee
Vom Agora Farmhouse sind es nur rund 20 Kilometer bis zur Fähre, die über den Koman-Stausee fährt – eine Strecke, die eigentlich schnell zu schaffen sein sollte. Doch als wir starten, wird schnell klar, warum das Navi dafür über eine Stunde veranschlagt: Die Straße ist in einem Zustand, den man als herausfordernd bezeichnen kann.
Es einfach nur Schlaglöcher zu nennen wäre untertrieben – es sind eher Krater; in Teilen ist der Straßenbelag komplett weggerutscht und an entspanntes Cruisen ist nicht zu denken. Wir fahren Slalom, um Achsbruch zu vermeiden (auf der Fahrt sehen wir dies bei einem Mercedes!) bleiben größtenteils im ersten und zweiten Gang, und nicht nur ich, sondern selbst unser „Dicker“ stöhnt gelegentlich auf. Nach gut einer Stunde Konzentrationsarbeit erreichen wir Koman – einen Ort, der vor allem von der Fähranlegestelle, dem Kraftwerk und einigen Verkaufsständen lebt.
Don´t pay the ferryman!
In Koman angekommen, erwartet uns ein trubeliges Bild: Viele Anbieter, viele Preise, viele Rufe – jeder möchte Tickets verkaufen. Die Orientierung fällt schwer, also fahren wir erst mal weiter auf einen kostenpflichtigen Parkplatz. Zu Fuß geht´s durch einen Tunnel zur Ablegestelle.


Hier herrscht ebenfalls Ticket-Halli-Galli und wir entscheiden uns spontan und buchen, was sich vernünftig anfühlt. Zum Glück landen wir auf einer Fähre mit reichlich Platz – die Ausflugsboote, die andere Routen einschlagen, sind gut gefüllt. Unser Ziel ist Fierza, etwa zweieinhalb Stunden entfernt. Die Landschaft ist beeindruckend: Der See schlängelt sich fjordartig durch steile Hänge, das Wasser schimmert in satten smaragdartigen Grün- und Blautönen, vereinzelt sehen wir Boote, Stege oder kleine Häuser am Ufer – mehr nicht.



Etwa ab der Hälfte der Strecke schwimmt sichtbar Müll im Wasser, vor allem PET-Flaschen treiben auf der Oberfläche. Was darunter liegt, möchten wir uns lieber nicht vorstellen – schade, denn die Naturkulisse hat eigentlich großes Potenzial.



In Fierza (langweilig!!!) legen wir eine (Zwangs)pause von etwa einer Stunde ein, bevor wir mit der nächsten Fähre zurück nach Koman schippern können. Mit Hin- und Rückfahrt, Wartezeiten und Anfahrt ist der Tag gut gefüllt – mehr als acht Stunden sind wir unterwegs.

Unser Fazit: Die Fahrt über den Koman-Stausee gehört zu den bekannten Highlights Albaniens. Die Landschaft ist ohne Zweifel sehenswert. Für uns persönlich war die Tour nicht abwechslungsreich genug und somit einen Tick zu lang. Vielleicht bieten die anderen Ausflugsziele, die man mit den Bootstouren ansteuert (z. B. Shala River Tour mit Strand-Ambiente), mehr Abwechslung.
Wir waren mit der Fähre unterwegs und die sind alles andere als TÜV-geprüft. Selbst ein einäugiger, tauber Prüfer würde sie nicht positiv bewerten, auch nicht, wenn er ein Auge zudrückt. Last but not least: Der Müll macht uns wütend!

Was für ein Blick!
Ledi´s Place sollte man nicht verpassen, wenn man in der Nähe des Agora Farmhouses ist! Bar, Restaurant und Campingplatz (gratis, wenn man Gast im Lokal ist) in einem. Was diese Familie hier geschaffen hat, gleicht einem kleinen Paradies. Mehrere Baumhäuser bieten einen ziemlich spektakulären Blick über den See. Einzigartig! Zu finden über Park4Night, Instagram und die üblichen Verdächtigen (keine Webseite).
Shkodra – wer radelt, hat Vorfahrt
Man könnte Shkodra als das Amsterdam des Balkans bezeichnen. Allerdings nicht wegen romantischer Grachten oder süßlichem Grasduft, sondern wegen der schieren Masse an Fahrradfahrern, die in diesem verkehrstechnischen Mikrokosmos aus allen Richtungen auftauchen – vorne, hinten, an jeder Seite … und natürlich stets mit dem unerschütterlichen Selbstverständnis, Vorfahrt zu haben.
Der Autoverkehr in Albaniens drittgrößter Stadt ist zwar nicht ohne, aber überraschend freundlich: Sobald etwas nicht rund läuft, zeigen sich viele Fahrer erstaunlich defensiv. Sie bremsen sogar – was, pardon liebe Sizilianer, in manch anderen Mittelmeerstädten nicht unbedingt zum guten Ton gehört. In Shkodra wird auch die religiöse Vielfalt des Landes besonders sichtbar: Kirchen und Moscheen wechseln sich ab, und auf den Straßen begegnen sich Menschen in modernster Freizeitkleidung ebenso wie Frauen in Vollverschleierung. Eine Stadt der Kontraste – und davon nicht zu wenige. Auch die Armut ist unübersehbar. Einige Menschen leben in Häusern, die bei uns längst als unbewohnbar gelten würden. Gleichzeitig zeigt sich eine enorme Kraft, ein Wille, sich aus der Misere herauszuarbeiten. Nur: Welche Chancen gibt es wirklich? Vermutlich bleibt – wie so oft – der Tourismus als eine der wenigen realistischen Möglichkeiten.


Einkaufs-Tipp
Für Brot-Fans: Bäckerei in Shkodra
Auf der 17 Rruga Tuzit haben wir eine Bäckerei entdeckt, die richtig gutes Sauerteig-Brot im Sortiment hat.
Burg, Basar und Bergblick: drei Tage in Kruja
Nach drei Tagen machen wir uns auf zur nächsten Station: Circa zweieinhalb Stunden Fahrzeit dauert es, bis wir Kruja (oder auch Kruje), eine Kleinstadt am Berghang, erreichen. Unser Campingplätzchen liegt auf etwa 600 Metern Höhe – was wir extra so auswählen (Tipp: App mit Angabe von Höhenmetern!). Wir machen uns zumindest ein kleines bisschen Hoffnung auf Abkühlung aufgrund der erhöhten Lage.
Die Realität? Auch in dieser Höhe bleibt es tagsüber schlicht zu heiß für größere Aktivitäten. Hängematte und Melone essen ist angesagt. Immerhin: Am Abend wird’s ein bisschen frischer, und wir schlafen mit offenen Schiebetüren, damit unser Mini-Camper durchgelüftet wird.
Übernachtungs-Tipp
Camping Ledinga in Kruje: über Park4Night zu finden.
Supernetter Besitzer, der sich sehr engagiert um den Platz
und seine Gäste kümmert. Zentrum mit Sehenswürdigkeiten
ca. 10-15 Minuten zu Fuß entfernt.
Nachdem wir uns und den „Dicken“ eingerichtet haben, geht’s runter ins Städtchen. Wir staunen nicht schlecht, wie viele Touristen aus den in den engen Straßen verkeilten Reisebussen am Hotel Panorama (ist wohl das beliebteste Haus hier am Platz) aussteigen – offenbar alle mit dem gleichen Ziel.
Gleich hinter diesem Gästequartier liegt der Basar von Kruja, eine der Hauptattraktionen des Ortes. Auf den ersten Blick wirkt die Kopfsteinpflaster-Gasse authentisch und ursprünglich. Die Stände in Kombination mit dem Naturstein sehen alt aus. Beim zweiten Blick kommt uns das eine oder andere Souvenir allerdings eher wie „Made in China“ vor – wie an jedem Touri-Spot ist das Angebot auf die Urlauber ausgerichtet. Aber gut: die Mischung macht’s und den anderen Besuchern scheint´s zu gefallen.

Das eigentliche Highlight ist dann aber ein anderes: die Burg von Kruja. Sie thront spektakulär auf einem Felsen über der Stadt und ist für viele Albaner ein Nationalheiligtum. Zu Zeiten des albanischen Nationalhelden Skanderbeg hielt die Festung jahrzehntelang den Osmanen stand. Geschichte mit Aussicht – das gefällt uns dann doch besser als Skanderbeg-Kühlschrankmagnete aus Asien.
Unsere Wanderung auf den Gebirgszug oberhalb der Stadt planen wir vorausschauend für die frühen Morgenstunden – aber selbst da ist es schon unangenehm warm. Der Aufstieg wird schweißtreibend, belohnt uns aber mit einer grandiosen Aussicht: Weit reicht der Blick bis zur Adria und zur Hauptstadt Tirana. Oben angekommen stellen wir fest, dass wir nicht nur Aussicht, sondern auch albanische Pilgergeschichte vor uns haben. Der Bektashi-Wallfahrtsort Sari Salltikut gehört zu den bedeutendsten religiösen Stätten des Landes. Wir verzichten dennoch auf den Abstieg zum Schrein – und widmen uns stattdessen einem anderen Hingucker: dem größten Walnussbaum, den wir je gesehen haben. Ein echter Riese, der da majestätisch auf dem Bergplateau über der Stadt thront. Schade nur: Unter seinem dichten Blätterdach liegen Aschehaufen und Müll – offenbar wird hier regelmäßig Feuer gemacht.

Riesiger Walnussbaum!
Hier oben gibt es zwei oder drei Lokale, es ist dennoch angenehm leer und ruhig. Wir kehren ein, gönnen uns was zu essen und etwas Kaltes zu trinken – bevor es wieder abwärts geht. Zurück auf dem Weg brezelt die Mittagssonne gnadenlos auf uns runter. Der Ziegenboss (ja, Boss ist richtig – das Tier war eindeutig der Chef der Truppe!), den wir unterwegs treffen, scheint ganz entspannt an seinem Joint zu rauchen (s. Foto). Wir müssen zweimal hinsehen: es ist kein Joint, sondern ein Knochen!!! Ups, was ist schlimmer? Kiffen oder als Vegetarier an einem Tier-Überbleibsel herumkauen?
Noch ein schneller Stopp im Supermarkt: Melone, ein paar Kleinigkeiten und – wichtigster Punkt – eine Flasche Weißwein, die wir mit Zustimmung der unglaublich netten jungen Verkäuferin (Ferienjob – schüchtern, trotzdem neugierig und mit viel Humor) kurzerhand im Eisfach des Ladens deponieren. Zum Abendessen hole ich das gut gekühlte Fläschchen wieder ab. Schließlich reisen wir ohne Kühlbox – da hilft nur Erfindungsreichtum. Und Kommunikation.
Der Dunst der Hitze über Kruja
Albanischer Weißwein – gut gekühlt und lecker!
Passionsblume
Endstation Tirana – wir kapitulieren vor der Hitze!
Nach drei Tagen Schwitzen in Kruja beschließen wir: Ein Ziel in Albanien machen wir noch. Dann drehen wir ab – Richtung Norden. Unser Plan: in die Höhenlagen Montenegros flüchten, dorthin, wo die Temperaturen vielleicht ein paar Grad gnädiger sind.
Aber erstmal steht Tirana auf dem Programm. Wir suchen uns einen Campingplatz im Einzugsgebiet der Hauptstadt und landen bei einer freundlichen Gastgeberin, die ihren Bauernhof um einen Stellplatz erweitert hat (Camping Dajti – Park4Night). Wir wählen eine freie Wiese mit ein paar schattenspendenden Bäumen – klingt idyllisch, wird es aber nur bedingt. Denn wir haben viel Gesellschaft: Hühner, Gänse, Puten – jedes Tier in Männchen-, Weibchen- und Kükenvariante. Erst finden wir’s amüsant. Dann merken wir: Lebensmittel sollte man nicht unbeaufsichtigt lassen. Und spätestens, als der Truthahn den Lack unseres Dicken mit einem Rivalen verwechselt und wütend auf sein eigenes Spiegelbild eindrischt, ist Schluss mit lustig. Oli verscheucht den aufdringlichen Puter mehrfach – mit mäßigem Erfolg.
Der Dicke ruht sich aus
Unsere neuen Nachbarn
Stechtierschutz!!!
Für nächtliche Unterhaltung sorgt eine Hochzeitsgesellschaft auf dem nächsten Hügel. Die Musik schallt so laut rüber, dass wir kein Auge zubekommen. Leider bleibt es nicht bei einer Nacht – am nächsten Abend geht’s nahtlos weiter. Auf Nachfrage erklärt uns die Gastgeberin: Albanische Hochzeiten dauern auch gern mal sieben Tage und Nächte. Naja. Wir bleiben sowieso nur zwei Nächte. Also: durchhalten!
Tirana: modernste Architektur neben Bröckel-Fassaden
Wir haben Glück: Es regnet, als wir Tirana besichtigen wollen – bessere Bedingung als Gluthitze, um sich in eine Großstadt aufzumachen. Unser erster Eindruck: Diese Stadt wächst gigantisch schnell. Hier wird gebaut und modernisiert, was das Zeug hält. Zwischen spannender, moderner Hochhaus-Architektur wirken die kleinen älteren Häuser wie eingeklemmt.




Wir starten unsere Tour am Skanderbeg-Platz, dem Hauptplatz von Tirana, der erstaunlich leer ist (Regen sei Dank?). Die riesigeFläche ist eine Fußgängerzone mit vielen Springbrunnen (bei Regen ausgeschaltet), umsäumt von bedeutenden Gebäuden, zum Beispiel der Oper, Banken, einer Moschee … und mit Busbahnhof. Die vielen unterschiedlichen Steinplatten auf dem Boden sollen aus allen Gebieten Albaniens stammen und Zusammengehörigkeit symbolisieren.





Wir lassen uns treiben, entdecken die Markthalle am Pazari i Ri. in der man viel Raucherutensilien (Tabak, Pfeifen), Obst und Gemüse und vieles andere kaufen kann.


Kunst entsteht im urbanen Raum von Tirana. Das mögen wir! Und falls ihr mal in unsere Heimatstadt kommt, schaut euch unseren Beitrag zu Wuppertal an – hier gibt es eine Menge Street Art (Murals auf riesigen Fassaden).
„Interessantes“ Essen gibt’s im Restaurant Mullixhiu, das Oli in einem deutschen Artikel aufgestöbert hat. Das Tasting Menu war … sagen wir mal: ausbaufähig. Vielleicht sind wir und die albanische Küche einfach keine gute Kombi. Mullixhiu heißt übersetzt Müller – entsprechend wurde der Stil des Interieurs gewählt: traditionell, viel Holz, niedrige Decken. Auf jeden Fall gemütlich!

Nach zwei Tagen im Umfeld von Tirana verlassen wir Albanien mit dem Ziel Kolašin in Montenegro. Mehr zu diesem Reiseabschnitt gibt’s bald hier auf dem Blog.
Albanien: ja, nein, vielleicht …???
Fazit: Während und nach unserer Reise waren wir hin- und hergerissen, ob wir Albanien weiterempfehlen sollen oder nicht. Da wir keine Blogger sind, die alles schönreden, können wir nur ehrlich sein: Albanien ist definitiv eine Reise wert, aber man sollte sich vorher gut überlegen, welche Gegend man besuchen möchte und was man dort erwartet.
Unser Eindruck ist, dass sich dieses Land in rasantem Tempo verändert. Man hört seit einigen Jahren, dass die Küstenregionen mittlerweile hochtouristisch erschlossen sind – wir waren bewusst nicht dort, um den Trubel zu meiden.
Was uns besonders positiv beeindruckt hat, sind die Menschen, denen wir begegnet sind. Sie waren meist sehr bemüht, ihre finanzielle Situation mit viel Eigeninitiative zu verbessern – einige berichten davon, dass ihre Geschwister bereits ins Ausland gegangen sind, um so eine bessere Zukunftsperspektive zu bekommen. Freundlichkeit, Offenheit und eine Portion Optimismus gehören in der Tourismusbranche dazu, um davon leben zu können – und so haben wir die Albaner erlebt. Natürlich können wir nicht behaupten, dass unsere Eindrücke repräsentativ sind, aber es war auf jeden Fall eine Erfahrung, die wir nicht missen möchten. Ganz nach dem Motto:
„Reisen ist die beste Art, den eigenen Geist zu trainieren, denn nur wer neue Wege geht, findet auch neue Gedanken“.
Bewertung zu unserem Roadtrip Albanien
Vielfältig, tolle Natur, aber zu viele unschöne Gegensätze dazu.
Wir hatten viele freundliche, offene Begegnungen.
Leckerer als in den anderen Balkan-Ländern.
Daten/Fakten/Überraschendes:
Reisezeit: 21.06. – 03.07.2024
Hauptziele: Theth-Nationalpark, Koman-Stausee, Shkodra, Kruje/Kruja, Tirana – alles in der nördlichen Hälfte Albaniens.
Übernachtungen: Wir haben immer auf Campingplätzen übernachtet – kein Wildcampen. Obwohl das freie Stehen in Albanien grundsätzlich erlaubt ist, haben wir uns für eher kleine Plätze entschieden, die günstig und manchmal auch recht einfach sind. Damit unterstützen wir die privaten Initiativen und fördern die Wirtschaft des Landes. Zwischen fünf und 20 Euro haben wir pro Nacht bezahlt.
Straßenzustand: Sehr unterschiedlich – von katastrophal bis gut ausgebaut ist alles möglich.
Autowäsche: Es gibt unzählige kleine und große „Lavazh“, wo man sein Fahrzeug per Handwäsche reinigen kann. Saubere Autos scheinen sehr wichtig zu sein …
PKW: Mercedes und Audi sind die häufigsten Automarken. Albaner setzen auf Zuverlässigkeit und Haltbarkeit. Not-So-Fun Fact: Private PKW wurden erst ab 1990 zugelassen.
Währung: Die albanischen LEK sind nach unserer Erfahrung nicht unbedingt notwendig. Wir konnten fast immer mit Karte oder Euro bezahlen. Ein bisschen Kleingeld in der Landeswährung ist jedoch empfehlenswert.
Internet: Am Grenzübergang wurden wir von Mitarbeitern zweier konkurrierender Telefongesellschaften dazu gedrängt, SIM-Karten zu kaufen. Das schien uns unseriös, obwohl es vermutlich in Ordnung ist. Aber wir fanden es als unangenehm, dass die Leute so penetrant aufgetreten sind. Wir haben stattdessen einen Vodafone-Laden in der nächstgrößeren Stadt (Koplik) aufgesucht. Die Karten funktionieren sofort. Und wir konnten unser Datenvolumen weiter nutzen, als wir bereits in Montenegro waren (Westbalkan-Abkommen). Empfehlung: Im Laden fragen – die Mitarbeiter sprechen normalerweise sehr gutes Englisch.
Abfall: Müll ist ein Problem – nicht nur in Albanien. Streunende Tiere verteilen den Müll zusätzlich. Hier besteht sicherlich noch Verbesserungsbedarf bei der Organisation.
Streunende Tiere: Vor allem Hunde fallen im Stadtbild auf. Diese nur als „ramponiert“ zu bezeichnen, wird der Situation leider nicht gerecht. Die Tiere sind oft verletzt, humpeln oder wirken völlig orientierungslos bis apathisch. Das ist schwer zu ertragen und nicht auszublenden.
Wasser: Wird häufig rationiert und für Stunden abgestellt. Die Qualität stufen wir als bedenkenlos ein. Wir hatten vorsorglich einen Wasserfilter gekauft, ihn aber nicht eingesetzt – wir hatten dennoch keine Magen- oder Darmprobleme.
Ursprünglichkeit: Unser Eindruck ist, dass dieser Begriff oft mit Armut verwechselt wird. Das Land bemüht sich, wirtschaftlich aufzuholen. Gegenden, die heute noch ursprünglich erscheinen, könnten in kurzer Zeit touristisch stark erschlossen sein. Das ist einerseits schade, andererseits verständlich, denn Tourismus könnte der Schlüssel zu mehr Wohlstand sein.
Gastronomie: Nach dem Essen wird der Tisch nicht abgeräumt. Nach anfänglicher Irritation haben wir festgestellt, dass das in allen Lokalen so gehandhabt wird.

















































es ist ein Genuss, den Sonntagmorgen mit einem Reisebericht zu beginnen, der Erlebnisse fern der Touristenströme in klarer bildhafter Sprache schildert und somit an der Reise teilhaben lässt.
Lieber Ulli, danke für dein positives Feedback! Wir freuen uns sehr, dass dir der Beitrag über Albanien den Sonntagmorgen versüßt hat und wir dich sozusagen ein Stück auf unserer Reise mitnehmen konnten. Oli & Micky